Landschaftsfotografie ist Entspannung pur, sie treibt mich an und gibt mir die Möglichkeit die fantastische Welt um mich herum zu entdecken. Gerade als Großstädter mit 3,5 Millionen Nachbarn und gefühlt einer Millionen Touristen genieße ich es immer wieder die Stadt zu verlassen um mich kurz darauf in unzerstörter Natur wieder zu finden. Dort setzt er ein, dieser oft anhaltende Moment des Einsseins mit der Natur, ein ungetrübter Genuss von Unberührtheit und wie aus dem Nichts tauchen Bilder von Entdeckern vor meinen Augen auf, die wie ich in diesem Moment, etwas das erste Mal zu sehen bekamen.

Ich nenne es meditatives Fotografieren, wenn ich mit meiner Umgebung verschmelze, geradezu eine Symbiose eingehe. Nichts was da nicht hin gehört stört meinen Blick. Vielleicht höchstens ein Trampelpfad und links wie rechts davon beginnt das Abenteuer. Fernab von jeglichem Straßenlärm höre ich nur noch die Geräusche der Natur. Plätscherndes Wasser oder Wellen die ans Ufer schlagen, knackende oder raschelnde Zweige, der Wind in den Bäumen oder wie er über den Sand streicht - tierische Laute. Dabei sind viele Dinge die wir Fotografen nur sehr schwer in unseren Bildern einfangen können. Gelingt uns das, wird auch der Betrachter neben Vogelstimmen das Rauschen in den Bäumen hören. So entstehen vollkommen schöne, mitunter gewaltige Bilder – die wirklich großen Landschaftsfotos.

Auf einer meiner ausgedehnten Fotoreisen war ich kürzlich wieder in der Schweiz, genauer gesagt im ältesten Nationalpark in Graubünden. Das Wetter perfekt, das Licht nicht zu grell, ein leichter Wind in den Baumwipfeln. Ich war schon mehrere Stunden auf einem kleinen Pfad unterwegs. Hatte neben putzigen Murmeltieren, Gämsen mit ihren Jungen, und einer über einhundertfünfzig Tiere zählenden Herde Hirsche wie aus dem Nichts auftauchend einen Bartgeier über mir entdeckt, ein Vogel, der einen halben Meter groß wird und eine Spannweite von bis zu zweimeterneunzig haben kann. Kein Geräusch, das dort nicht hingehörte, sehe ich einmal von meinen eigenen und dem klappern meiner Ausrüstung ab.

Unberührte, unzerstörte Natur, soweit das Auge reicht, ich wähnte mich im Paradies, bog um einen Felsvorsprung und da war er, der aufgetürmte Turm aus Steinen, erst nahm ich nur den größten von Ihnen war, doch immer mehr Türme durchkreuzten meinen Blick.

Augenblicklich war ich auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen, denn ein traumhaft schöner, vor sich hin plätschernder Gebirgsbach war mit Steintürmen nur so zugepflastert. Was wäre das für ein tolles Bild, das dieser Bach in die Landschaft zeichnen würde, umsäumt von vom Wetter gezeichneten Arven, vor einer grandiosen Kulisse sich aneinanderreihender Berggipfel und Kämme, eingebettet in saftige bunt blühende Bergwiesen und über allem Wolken wie aneinander gereihte Wattebäusche.

Nicht, dass ich derartige Türme noch nie gesehen hätte, diese sorgsam aufgeschichteten, immer kleiner werdenden Steine – eine Geduldsarbeit für den oder die Erbauerin, nicht selten meterhoch. Sie werden auch Steinmännchen, Steinmänner, Steinmandl, Steinmanderl oder Steindauben genannt, wobei das Wortspiel wohl eher aus Stein und "männchen machen" abgeleitet wurde.

Sicher, es handelt sich im Ursprung um alte Wegzeichen, die den Wanderer von der Richtigkeit seines tuns bestärken und von Abwegen fernhalten sollten.

Nun bin ich kein gläubiger Mensch, aber mir fiel sofort 1. Mose 1:26ff ein, wo es da heißt:

(26) Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
(28) Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.
(29) Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.…

Hatte er sich das wirklich gut überlegt? Als uns sagte „macht sie euch untertan". Gut, der Mann hatte eine anstrengende Arbeitswoche hinter sich. Wir wissen doch alle aus eigener Erfahrung wie wir uns zum Wochenende hin fühlen und von der Arbeit ganz ausgelaugt im Einkaufsstress falsche Entscheidungen treffen. Muss man doch Verständnis für haben.

Als er an uns Hand anlegte, da hatte er sicherlich nicht an uns Landschaftsfotografen gedacht. Es wäre ihm wohl auch im Traum nicht eingefallen, wie ein daher wandernder Mensch in vollkommener Natur Steine fein nach ihrer Größe sortiert aufeinanderstapelt und SEIN Werk auf diese Weise derart zubetoniert, dass selbst der professionelle Landschaftsfotograf dem Resultat nicht mehr Herr werden kann, wo selbst Photoshop in der Nachbearbeitung an seine Grenzen stößt

Warum nur können einige Menschen nicht einfach mal stillhalten und genießen, ohne gleich Hand an die Natur anzulegen. Ungeniert stauen sie Bachläufe auf, eine Tätigkeit, die sie dem Biber nicht zugestehen wollen. Sie ritzen Herzchen oder Hakenkreuze in Bäume, Türmen Steine aufeinander. Scheißen in die Landschaft und krönen ihr Werk mit einem weiß leuchtenden Papiertaschentuch – zum Glück können wir Fotografen letztere Hinterlassenschaften der Menschheit ganz hygienisch und postfotografisch entsorgen.

Wir Landschaftsfotografen gehen mit offenen Augen durch die Welt. Wir sehen Dinge, Motive, ganze Bilder, an denen andere Menschen achtlos vorbeiziehen. Wir Fotografen sehen oft - mehr als andere - genau die Dinge die da nicht hingehören, denn sie stören unseren Blick und sie stören unsere Bilder, sie stören unsere Arbeit, den Workflow.

Die Zahl unberührter Orte wird immer kleiner, immer tiefer dringen wir in die Natur ein und merken dabei nicht wie wir uns Stein auf Stein das Wasser abgraben. In meinem Bestreben die Schönheit der Welt und die unberührten Orte zu zeigen, trage ich wohl auch einen Teil der Schuld, denn ich wecke in manch einem den Wunsch mein Motiv höchstselbst aufzusuchen. Das mache ich wieder gut ich verspreche es, indem ich jeden mich störenden Steinhaufen eintrete – ein Akt der Anarchie, zurück bleibt am Ende nur die Spur der Steine. ;-)